Die Herauswahl im ersten Jahrhundert

Der judische Eintfluss auf die Versammlungen in der fruhen Herauswahl

„Und indem sie täglich einmütig im Tempel verharrten und zu Hause das Brot brachen, nahmen sie Speise mit Frohlocken und Einfalt des Herzens, lobten Gott und hatten Gunst bei dem ganzen Volk. Der Herr aber tat täglich zu der Versammlung hinzu, die gerettet werden sollten.“ – Apostelgeschichte 2:46,47

„Und jeden Tag, in dem Tempel und in den Häusern, hörten sie nicht auf, zu lehren und Jesus als den Christus zu verkündigen.“ – Apostelgeschichte 5:42

Len Griehs

In den ersten drei Jahrhunderten ihrer Existenz hielten die Christen aus den Nationen die Versammlungen nicht in besonders dafür hergerichteten Gebäuden ab. In seinem Brief an Philemon wandte er sich an Archippus und die Versammlung in seinem Haus (Vers 2). In dem Brief an die Kolosser grüßt Paulus die Versammlung, welche im Haus der Nymphas zusammenkommt (4:15). In Thyatira kam eine Versammlung in dem Haus der zuerst in dieser Stadt Bekehrten zusammen, bei Lydia (Apostelgeschichte 16:40). Der zweite Brief des Johannes warnt die Versammlung in Ephesus davor, falsche Lehrer in ihr Haus aufzunehmen (Vers 10).

Die ersten jüdischen Nachfolger Jesu handhabten das Versammeltsein etwas anders: Sie gingen weiterhin in die Synagoge. Apostelgeschichte 12:12 gibt einen Hinweis auf eine Gruppe von Geschwistern, die in Jerusalem in dem Haus der Maria, der Mutter des Johannes Markus, während des Passahfestes versammelt waren. Hierbei handelt es sich jedoch um Geschwister in Jerusalem, die das Gedächtnismahl gefeiert hatten und sich nicht zu einer regelmäßig wiederkehrenden Anbetung versammelt hatten.

Religiöse Versammlungen waren in Rom geächtet

Der erste Kaiser in Rom, Julius Cäser, verbot alle religiösen Zusammenkünfte in Rom, außer die des Judentums. Die jüdische Gemeinschaft konnte als einzige ohne Einschränkung den Gottesdienst besuchen, weil sie bereits in der Zeit vor dem Kaiserreich bestanden hatte. Als collegia – einer religiösen zugelassenen Gemeinschaft mit dem Versammlungsrecht und dem Recht, gemeinsame Mahlzeiten zu sich zu nehmen und Eigentum zu teilen – lenkte die Synagoge ihre Gemeinschaft (Römer 13:1) und bestand auf ihr eigenes Recht der Bestrafung (Johannes 18:31 und des Einnehmens der Steuern (Matthäus 17:24).

Während die jüdischen Synagogen örtlich eigenständig waren, standen die jüdischen Gemeinschaften in ganz Israel und den römischen Provinzen unter der Gleichförmigkeit, die von Jerusalem vorgegeben wurde. Es wurde von jedem gefordert, die Thora zu lesen, den Sabbath einzuhalten, die Männer zu beschneiden und die Ernährungsvorschriften halakhah zu befolgen. Alle Synagogen folgten dem Hohepriester und dem Sanhedrin, den vorherrschenden Kräften in Jerusalem.

Der Sanhedrin (Sanhedriyoat), das jüdische „oberste Gericht“ bestand aus 71 großen Thoraweisen und traf sich in der „Lishkat HaGazit“, in dem „Raum der behauenen Steine“, der dem Jerusalemer Tempel hinzugefügt worden war. Von diesen Mitgliedern wurde ein fundiertes Hintergrundwissen in der Tradition durch ein Studium in der Jugend gefordert. Der Sanhedrin diskutierte über wesentliche Grundsätze der Thora und Entscheidungen fielen durch das Votum der Mehrheit. Als oberstes Gericht übte der Sanhedrin Autorität aus in schwierigen Fällen oder bei Anschuldigungen, die eine große Bestrafung erforderlich machte.

Josephus berichtet, dass der römische Bevollmächtigte den Hohepriester zu Jerusalem festlegte (Antipuities 18, iv, 3), und deutet dadurch die gleichsam politische Natur der Position an. Die römischen Machthaber erwarteten vom Hohepriester eine Zusammenarbeit zwischen der römischen Autorität und der unterworfenen Bevölkerung. Von Kaiphas, dem Hohepriester zur Zeit Jesu (Johannes 18:13), wurde erwartet, dass er Aufstände verhinderte, welche sein eigenes Amt bedrohten (Johannes 11:48-50). Er wusste, dass jeder Aufstand sofort niedergeschlagen werden würde und die Urheber der römischen Autorität übergeben werden würden.

Obwohl der Hohepriester also politische Motive hatte, behielt er dennoch weitreichende Autorität über das jüdische religiöse Leben in dem ganzen Römischen Reich. Durch solch eine Vorkehrung war es für Saulus möglich, die jüdischen Nachfolger Jesu derart zu verfolgen: „Saulus aber, noch Drohung und Mord wider die Jünger des Herrn schnaubend, ging zu dem Hohenpriester und erbat sich von ihm Briefe nach Damaskus an die Synagogen, damit, wenn er etliche, die des Weges wären, fände, sowohl Männer als Frauen, er sie gebunden nach Jerusalem führe“ (Apostelgeschichte 9:1,2).

Die Gemeinde zu Rom bestand sowohl Juden als auch aus den Nationen

Paulus benutzte nicht das Wort ekklesia hinsichtlich derjenigen, welche sich in Rom trafen. Auch deutete er nicht an, dass er oder irgendein anderer Apostel die Gruppe gegründet hat (Römer 15:20). Die ersten Gläubigen an Jesus dort waren Juden und Proselyten aus den Nationen, welche von Jerusalem aus in ihre Heimat zurückkehrten, nachdem sie Petrus Botschaft zu Pfingsten gehört hatten: „Und als der Tag der Pfingsten erfüllt wurde, waren sie alle an einem Orte beisammen ... Es wohnten aber in Jerusalem Juden, gottesfürchtige Männer, von jeder Nation derer, die unter dem Himmel sind ... sowohl Ausländer aus Rom als auch Juden und Proselyten“ (Apostelgeschichte 2:1,5,10 nach Luther). Die an den Messias Gläubigen kehrten als in Christus Getaufte nach Rom zurück und predigten in der Synagoge von Jesus. Dies führte ganz offensichtlich zu einer besonderen Situation in der Synagoge, indem sie sich aus praktizierenden Juden, aus Proselyten, aus an den Messias glaubenden Juden und aus an Jesus Gläubige aus den Nationen zusammensetzte.

Paulus schrieb einen Brief an die Gläubigen aus den Nationen, welche inmitten dieser befremdlichen Mischung lebten. Jüdische Gläubige wurden mit einer ähnlichen Situation konfrontiert. Sie mussten fortwährend in der einzig zugelassenen Art und Weise der Anbetung in der Synagoge aushalten, während sie darum bemüht waren, in ihrem neu gegründeten Glauben an Jesus zu wachsen (Für eine sehr ausführliche Darlegung der Geschichte und Entwicklung der Herauswahl zu Rom, siehe bitte Das Geheimnis der Römer: der jüdische Zusammenhang in Paulus Brief, erschienen im Englischen, Fortress Press, Minneapolis, 1996, geschrieben von Mark D. Nanos).

Priscilla und Aquilla waren jüdische Christen, die in Rom lebten. Sie hatten durch Paulus von Jesus gehört, während sie in Korinth in der Verbannung arbeiteten während der Herrschaft des Claudius im Jahr 52 n. Chr. (Apostelgeschichte 18:2). Als sie als Gläubige nach Rom zurückkehrten, ermöglichten sie eine ekklesia in ihrem Haus (Römer 16:5; 1. Korinther 16:19). Dies deutet an, dass es sich hierbei ausschließlich um christliche Gläubige handelte, entweder um jüdische oder um solche aus den Nationen. Archäologen haben in den Ruinen in Rom mindestens zwölf solcher Synagogen Gemeinschaften aus dem ersten Jahrhundert ausgegraben. Einige von ihnen in den größeren Häusern der weniger wohlhabenden Stadtbezirke.

In seinem Brief an Rom (Kapitel 16) grüßt Paulus in der Auflistung von mehr als zwanzig Christen nur fünf bis acht jüdische Namen. Ganz offensichtlich waren viele aus den Nationen – entweder Proselyten oder erst vor kurzem Bekehrte – unter denjenigen, welche sich in Rom versammelten. Sie waren begierig, um Paulus Ratschläge zu hören hinsichtlich der Bewahrung ihres Glaubens inmitten der jüdischen und der römischen Autorität.

Der Mix aus Juden und Nationen

Paulus Ratschlag an die besondere Gemeinschaft zu Rom war ohne Zweifel auf der Grundlage der Übereinstimmung gegründet, welche auf dem Konzil zu Jerusalem gefunden worden war. Jakobus und die Übrigen hatten darin übereingestimmt, die Angelegenheit dadurch zu klären, dass die Forderung nach der Beschneidung von der Liste gestrichen wurde, deren Einhaltung von den Christen aus den Nationen erwartet wurde, die sich in der Synagoge trafen, um das Wort des Herrn zu hören:  „Deshalb urteile ich, dass man diejenigen, welche sich von den Nationen zu Gott bekehren, nicht beunruhige, sondern ihnen schreibe, dass sie sich enthalten von den Verunreinigungen der Götzen und von der Hurerei und vom Erstickten und vom Blute. Denn Moses hat von alten Zeiten her in jeder Stadt solche, die ihn predigen, indem er an jedem Sabbat in den Synagogen gelesen wird.“ (Apostelgeschichte 15:19-21). Der Autorität in den Synagogen wurde weiterhin die Leitung zugestanden, aber die Gläubigen aus den Nationen hatten es nicht nötig, durch die Beschneidung aufgenommen zu werden. Es wurde von ihnen nur erwartet, dass sie die jüdischen Gebräuche in der Synagoge respektierten.

Lukas erläutert diesen Punkt näher in dem Bericht von Paulus späterer Begegnung mit Jakobus bei seinem letzten Besuch in Jerusalem (Apostelgeschichte 21:20-26). Nachdem die Ältesten zu Jerusalem Paulus Erfolg unter den Nationen gelobt hatten, baten sie Paulus, dass er die Gerüchte zerstreue, dass er die Juden, die außerhalb von Israel leben, dazu gedrängt habe, die jüdischen Gebräuche und Traditionen aufzugeben, einschließlich die Beschneidung. Dies war eindeutig unwahr (Apostelgeschichte 16:1-3), denn Paulus forderte niemals, dass jüdische Christen ihre Herkunft aufgeben sollten. Er widerstand nur den Versuchen, die aus den Nationen Bekehrten dazu zu zwingen, die Vorschriften aus dem Gesetz Mose zu befolgen, um in die Gemeinschaft angenommen zu werden. Jakobus und die anderen Ältesten fürchteten, dass Paulus Gegenwart in Jerusalem verbunden mit der ungeheuren Menge an Juden, die an dem Fest teilnahmen und aus allen Gegenden kamen, einen Aufruhr unter den Juden bewirken würde.

 Als die Ältesten dem Paulus vorschlugen, dass er dadurch dem Gesetz gegenüber Respekt zeigen würde, indem er einzelne Juden unterstützen würde, welche ein Nasiräer Gelübde auf sich genommen hatten (siehe 4. Mose 6:1-21), stimmte Paulus ihnen zu und bezahlte die notwendigen Weiheopfer für den Zeitraum der Reinigung. Josephus deutet an (Antiquities 19.6.1), dass dies eine zulässige Durchführung war, denn Agrippa I. bezahlte viele Nasiräer Opfer.

Paulus Zustimmung zeigt an, dass er keine Verletzung des Grundsatzes in der Fortführung der jüdischen Gebräuche sah, und es mag helfen seinen Ratschlag an die römischen Christen, die aus den Nationen kamen, zu erklären, sich den Bitten der Synagogenleiter unterzuordnen: „Wir aber, die Starken, sind schuldig, die Schwachheiten der Schwachen zu tragen, und nicht uns selbst zu gefallen. Ein jeder von uns gefalle dem Nächsten zum Guten, zur Erbauung … Denn alles, was zuvor geschrieben ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben, auf dass wir durch das Ausharren und durch die Ermunterung der Schriften die Hoffnung haben. (Römer 15:1,2,4). Es gibt keinen Beweis dafür, dass die Ältesten zu Jerusalem nicht an dem Beschluss des Konzils zu Jerusalem festgehalten hätten, welcher von Jakobus zum Ausdruck gebracht worden war, denn sie selbst beziehen auf denselben: „Was aber die Gläubigen aus den Nationen betrifft, so haben wir geschrieben und verfügt, dass sie nichts dergleichen halten sollten, als nur, dass sie sich sowohl vor dem Götzenopfer als auch vor Blut und Ersticktem und Hurerei bewahrten“ (Apostelgeschichte 21:25).

Historisch gesehen handelt es sich um einen Zeitabschnitt des Umbruchs, und wir stellen fest, dass der jüdische Teil der christlichen Herauswahl die Anbetung im Tempel und die jüdischen Feste beobachtete (Apostelgeschichte 18:21; 20:16; 24:11). Solange als es freiwillig war und den an Christus Gläubigen aus den Nationen nicht auferlegt wurde, widersetzte sich Paulus solchem Handeln nicht.

Die Anbetung in der frühen Herauswahl

Die ersten fünf Kapitel in der Apostelgeschichte beschreiben eine Gemeinde von jüdischen Gläubigen, welche sich täglich sowohl im Tempel traf (Apostelgeschichte 1:13; 2:46; 5:42) als auch in der Säulenhalle Salomons (5:12). Es ist daher keine Überraschung, dass die jüdischen Christen in Jerusalem und die Christen aus den Nationen in Rom sich mit Nichtgläubigen in den Synagogen und im Tempel trafen. Gott hat sein Wort in jener Institution bewahrt (Lukas 4:17), und in den Herzen der ersten Christen brannte ein Feuer.

Übersetzt von Bruder Sven Kruse.