Lag Moses richtig oder falsch

„Nun lass mich, dass mein Zorn wider sie entbrenne und ich sie vernichte;
dich aber will ich zu einer großen Nation machen.“ – 2. Mose 32:10

 Die Urheber des Alten Testaments sind sehr sorgfältig gewesen, damit „die biblische Geschichte unparteiisch berichtet wurde und ebenso ihre eigenen Schwachheiten und Fehlgriffe, wie ihre Tugenden und Treue . . . Es ist eine Geradheit und Aufrichtigkeit, in und an der Bibel, die sie als die Wahrheit ausweist“ (Band 1, Studie 3). Es ist jedoch die Aufgabe des Bibelforschers herauszufinden, ob eine Tat richtig oder falsch ist. Einen solcher Fall finden wir im zweiten Buch Mose.

 „Da sprach der Herr zu Mose: Gehe, steige hinab! Denn dein Volk, das du aus dem Lande Ägypten heraufgeführt hast, hat sich verderbt. Sie sind schnell von dem Wege abgewichen, den ich ihnen geboten habe; sie haben sich ein gegossenes Kalb gemacht und sich vor ihm niedergebeugt und haben ihm geopfert und gesagt: Das ist dein Gott, Israel, der dich aus dem Lande Ägypten heraufgeführt hat. Und der Herr sprach zu Mose: Ich habe dieses Volk gesehen, und siehe, es ist ein hartnäckiges Volk; und nun lass mich, dass mein Zorn wider sie entbrenne, und ich sie vernichte; dich aber will ich zu einer großen Nation machen. Und Mose flehte zu dem Herrn, seinem Gott, und sprach: Warum, Herr, sollte dein Zorn entbrennen wider dein Volk, das du aus dem Lande Ägypten herausgeführt hast mit großer Kraft und mit starker Hand? Warum sollten die Ägypter also sprechen: Zum Unglück hat er sie herausgeführt, um sie im Gebirge zu töten und sie von der Fläche des Erdbodens zu vernichten? Kehre um von der Glut deines Zornes und lass dich des Übels wider dein Volk gereuen. Gedenke Abrahams, Isaaks und Israels, deiner Knechte, denen du bei dir selbst geschworen hast, und hast zu ihnen gesagt: Mehren will ich euren Samen wie die Sterne des Himmels; und dieses ganze Land, von dem ich geredet habe, werde ich eurem Samen geben, dass sie es als Erbteil besitzen ewiglich. Und es gereute dem Herrn des Übels, wovon er geredet hatte, dass er es seinem Volke tun werde.“ - 2. Mose 32:7-14

 Nachdem Mose nicht so schnell zurückkam vom Berg Sinai, wie sie es erwartet hatten, wurden die entmutigten Juden von Furcht und Verdruss ergriffen, und sie bewegten Aaron dazu, ihnen ein goldenes Kalb zum Anbeten herzustellen. Als Mose diesen Unglauben erkannte, entfachte sein Zorn gegen das Volk, und was noch bedeutsamerer war, der Zorn Jehovas entbrannte ebenfalls. Dies führte zu Gottes Vorschlag, alle ungläubigen Hebräer zu vernichten und eine neue Nation aus den Lenden Moses hervorzubringen.

 Gott fragt den Menschen um Erlaubnis

 Kurz zusammengefasst: Gott führt sein Gericht gegenüber Israel nicht aus. Er fragt erst Mose um Erlaubnis, um dies zu tun, mit den Worten: „Lass mich allein.“ In ähnlicher Weise lesen wir, als Josua die Gibeoniter vor einem Angriff der Amoriter verteidigte: „Der Herr hörte auf die Stimme eines Menschen“ (Josua 10:14).

 Nachdem Mose als ein Mittler in der Beziehung zu Israel eingesetzt worden war, erkannte Gott Moses Stellung an und suchte Moses Erlaubnis, um diese Bestrafung der eigenwilligen Stämme durchzuführen. Diese Annäherung spricht Bände über den Charakter des Allmächtigen, welcher nicht nur nicht lügen kann (Titus 1:2; Hebräer 6:18), sondern auch die Werkzeuge anerkennt und durch dieselben wirksam ist, welche er dazu eingesetzt hat. Gott ist ein Gott der Ordnung (1. Korinther 14:33,40).

 Was wahr gewesen ist in der Beziehung mit Mose als Mittler wird ebenso wahrhaftig sein in seiner Beziehung zu Christus, dem größeren Mittler, in der tausendjährigen Herrschaft seines Königreiches. Der Prophet drückt dies in bildlicher Sprache auf diese Art und Weise aus: „Und es wird geschehen an jenem Tage, da werde ich erhören, spricht der Herr: Ich werde den Himmel erhören (die neuen Himmel, Jesus und seine Herauswahl), und dieser wird die Erde (die neue Erde der wiederhergestellten Menschheit) erhören“ (Hosea 2:21).

 Moses Kühnheit und Gottes Reue

 Moses Antwort erscheint unverfroren und kühn zu sein. Er widersprach Gott. Er trat ein für die ungläubige Masse und bat Jehova, seine Entscheidung zu überdenken. Seine Bitte gründete sich auf die Herrlichkeit Gottes. Wenn Israel vernichtet werden würde, so war seine Schlussfolgerung, würden die Nationen leicht behaupten können, dass während Jehova die Macht hatte, die Israeliten aus der ägyptischen Gefangenschaft herauszuführen, ihm die Fähigkeit fehlte, sie in das verheißene Land zu bringen.

 Die Eindringlichkeit seines Gebets wird durch die Tatsache angedeutet, dass in der Parallelstelle in 5. Mose 9:18 deutlich gemacht wird, dass diese Begebenheit durch vierzig Tage des vollständigen Fastens begleitet wurde. Sein Gebet erwies sich als wirksam, denn Gott erhörte es: „Und es gereute den Herrn des Übels, wovon er geredet hatte, dass er es seinem Volk tun werde.“ Das hebräische Wort nacham, welches mit gereute übersetzt worden ist, hat hier den Sinn von „Mitleid haben“ (Brown, Driver and Briggs Lexikon). Es entspricht dem griechischen Wort metanoeo, welches „die Gesinnung ändern“ bedeutet und nicht metamellomai, welches mit bedauern wiedergegeben wird. Solch eine Einstellung gibt es niemals in Bezug auf Gott, wie dies aus Hebräer 7:21 offensichtlich wird. Die Septuaginta benutzt das Wort hilasthee, welches „versöhnlich stimmen“ oder „beschwichtigen“ bedeutet.

 In anderen Worten Gottes Erbarmen mit Israel wurde durch die Bitte Moses erreicht. Die Änderung im Handeln wurde nicht durch die Betrübnis aufgezwungen, sondern durch ein Ohr des Mitgefühls dem Argument Moses gegenüber. Jedoch ist die reine Tatsache, dass Gott eine positive Antwort dem Mose auf sein Gebet gab, nicht notwendigerweise der Beweis dafür, dass seine Bitte richtig gewesen ist.

 Zusätzlich zu seinem Gebet für die hartnäckigen Hebräer kehrt der große Gesetzesgeber vom Berg Sinai zurück mit der Hoffnung, dass er vielleicht eine Versöhnung für ihre Sünden machen könne (2. Mose 32:30-35). Gott sendet eine Plage gegen das Volk, anstatt sie zu vernichten.

 Eine Analyse von Moses Entscheidung

 Beim Analysieren von der Frage, ob Moses Entscheidung, den Vorsatz Gottes zu verändern, richtig oder falsch war, ist es notwendig, dass wir die Argumente untersuchen. Beim Betrachten der Weisheit und der Richtigkeit der Wahl, die Mose traf, deuten verschiedene Punkte die Richtigkeit dessen an, was er tat:

 1)      Gott antwortete auf Moses Gebet

 Die Einwilligung Jehovas gegenüber der Bitte Moses mag gut die Richtigkeit von Moses Stellung andeuten und legt die Rechtmäßigkeit seiner Handlung nahe.

 2)      Die Herrlichkeit Gottes

 Das Gebet, welches darauf gerichtet war, was zur größten Herrlichkeit des Allmächtigen gereichen würde, deutet ebenfalls an, dass der gewählte Weg der richtige war.

 3)      Das Ideal der Selbstlosigkeit

 Das Ablehnen des Angebots der persönlichen Herrlichkeit und der Erhöhung seiner Familie und seiner Nachkommen ist ein selbstloses Idealziel, welches würdig der Nacheiferung ist.

 4)      Gottes Zeittafel

 Wenn Mose die andere Entscheidung getroffen hätte, wäre der Einzug in das verheißene Land notwendigerweise später gewesen, denn es hätte Zeit notwendig gehabt, eine neue Nation aus den Lenden Moses zu erschaffen. Dies hätte viele Veränderungen in Gottes chronologischer Zeittafel für die Hinausführung seiner Pläne bedeutet.

 Auf der anderen Hand gibt es verschiedene Punkte, welche zeigen, dass seine Entscheidung nicht die beste war:

 1)      Die Weisheit des Allmächtigen

 Sicherlich weiß Gott, welche Handlung unter welchen Umständen am besten ist. Daher muss er einen weisen Grund dafür gehabt haben vorzuschlagen, die rückfällige Nation Israel hinwegzunehmen und Moses Haus zu erhöhen.

 2)      Die Treue Gottes

 Wenn Jehova verheißen hat, die Annahme seiner Einladung zu segnen und eine neue Nation zu gründen, um seine Verheißungen zu erfüllen, hätte er ganz gewiss jene Verheißung eingehalten, welche er zu erfüllen angeboten hatte.

 3)      Der Grundsatz der Reue

 In Jeremia 18:8 wird der Grundsatz verdeutlicht, welcher eine Veränderung in der Gesinnung auf Seiten Gottes hervorgebracht hat: „Kehrt aber jenes Volk, über welches ich geredet habe, von seiner Bosheit um, so lasse ich mich des Übels gereuen, das ich ihm zu tun gedachte.“

 4)      Moses Bestimmung

 Es ist umstritten, ob es Mose wegen dieser Entscheidung nicht erlaubt war, in das verheißene Land zu kommen. Es kann dem sehr gut widersprochen werden, indem der Grund für das Vorenthalten jenes Vorrechtes der war, dass er den Felsen beim zweiten Mal geschlagen hat anstatt zu ihm zu sprechen (4. Mose 20:8-11). Hätte er jedoch Gottes Einladung angenommen, Israel dahinzugeben, dann wäre Mose nicht versucht worden, sich über die Unnachgiebigkeit des Volkes zu ärgern.

 Die Schlussfolgerung

 Lag Mose richtig oder falsch, als er die Einladung Gottes ablehnte, die Israeliten in der Wüste zu verderben und ein neues, stärkeres und besseres Geschlecht aus seinen eigenen Nachkommen hervorzubringen? Nur Gott weiß, welches die beste Entscheidung gewesen wäre. Er hat uns die Antwort nicht geoffenbart.

 Einige mögen behaupten, dass die Worte des Herrn nicht als eine Einladung gemeint gewesen wären, sondern mehr als eine Prüfung hinsichtlich Moses Charakter. Aber Gott hat verheißen, dass er eine neue Nation aus Mose hervorbringen würde, und weil Gott nicht lügen kann, würde er ganz gewiss auch dementsprechend gehandelt haben, hätte Mose die Bitte Jehovas angenommen. Auch kann nicht gesagt werden, dass Mose versucht worden ist, um zu erkennen, wie er handeln würde, denn wir lesen: „Niemand sage, wenn er versucht wird: Ich werde von Gott versucht; denn Gott kann nicht versucht werden vom Bösen, und selbst versucht er niemanden“ (Jakobus 1:13).

 Auf diese Weise kann dies nicht als eine Wahl zwischen einer richtigen und einer falschen Entscheidung angesehen werden, sondern nur als eine Wahl zwischen zwei annehmbaren Möglichkeiten, von der die eine nicht besser ist als die andere, sondern wo beide gleich gut sind.

 Eine Lektion für uns

 Von Zeit zu Zeit finden wir uns selbst in ähnlichen Situationen wieder. Wir mögen fühlen, dass wir uns in einer armen religiösen Situation befinden. Wir mögen empfinden, dass wir berufen worden sind, um unsere örtliche Ekklesia oder Versammlung zu verlassen. Wir mögen merken, dass der Herr von uns fordert: „Gehet aus ihr hinaus, auf dass ihr nicht ihrer Sünden mitteilhaftig werdet“ (Offenbarung 18:4). Was sollten wir tun? Sollten wir unserer Auslegung der göttlichen Vorkehrung folgen und uns trennen? Sollten wir im Voraus damit rechnen, dass der Herr zu uns sagt: Ich werde eine neue religiöse Umgebung aus dir heraus (bzw. für dich) schaffen?

 Oder sollten wir handeln, wie Mose gehandelt hat, und des Herrn Herrlichkeit aufrichtig darum bitten, denjenigen zu vergeben, welche das göttliche Gesetz übertreten haben? Sollten wir in Wirklichkeit sagen: Herr, wenn du dieses Volk hinwegnimmst, werden andere sagen, dass du mächtig genug gewesen bist, um diese in deine Wahrheit zu führen, aber dass du nicht in der Lage bist, sie in ihr verheißenes Land zu bringen. Sollten wir fortfahren, wie Moses es tat, unseren Einfluss zu gebrauchen, um zu verhindern zu versuchen, dass sie weiter abfallen?

 Unsere persönliche Antwort ist zum Teil davon abhängig, ob wir meinen, das Mose richtig oder falsch gehandelt hat, und ob wir das tun würden, was er getan hat.

 In dem Königreich wird der Christus vollständige Autorität als ein Teil des Größeren als Mose besitzen, dem Mittler, ohne irgendein Eingreifen Gottes. Wahrlich, unter unserem Haupt, Jesus Christus, wird es für den Mittler nicht möglich sein, irgendeine unweise Entscheidung zu fällen. Dann werden wir wissen, wann wir für die Vergebung eines Menschen bitten können und wann nicht. Mögen wir alle lernen, das überaus große Vorrecht und die Verantwortlichkeit wertzuschätzen und zu verstehen, welche wir haben, denn wenn wir treu sind, dann werden wir die Menschheit in Harmonie mit Gott zurückführen.

 Dieser Artikel stammt von Bruder Carl Hagensick und wurde in der englischsprachigen Ausgabe des Heralds von Mai/Juni 2005
veröffentlicht. Übersetzt von Bruder Sven Kruse.

 Es folgt ein Auszug aus dem Herald von November/Dezember 1984:

 „Die Argumentation des Glaubens

 Auf diese Weise hat der Glaube immer Gründe. Der Glaube denkt logisch von Gott – er beginnt bei ihm – und die Schwierigkeiten sind Nebensache. Ganz im Gegensatz dazu denkt der Unglaube als erstes an die Schwierigkeiten Gott gegenüber – er beginnt mit ihnen. Dies macht den Unterschied aus. Es ist weder so, dass wir die Schwierigkeiten nicht wahrnehmen würden, noch dass wir sie unbeachtet lassen würden. Weder Unachtsamkeit, noch Leichtsinn ist Glaube. Glaube betrachtet die Schwierigkeiten, die sich einem in den Weg stellen; der Glaube ist sich ihrer vollständig bewusst. Es beachtet dieselben und ist ihnen gegenüber nicht gleichgültig. Aber er legt sie nieder vor dem lebendigen Gott! Er schaut auf ihn; er lehnt sich an ihn, er wird von ihm gezogen. Hier liegt das große Geheimnis seiner Macht verborgen. Es ruht in der bestimmten und tiefen Überzeugung, dass es nie eine Mauer zwischen ihm und dem allmächtigen Gott gegeben hat. Niemals war eine Stadt zu groß, und niemals ein Riese zu stark. Kurz gesagt: Der Glaube ist das Einzige, welches Gott an seine richtige Stelle setzt; und als eine Konsequenz: Der Glaube ist das Einzige, welches die Seele vollständig erhebt über die Einflüsse der uns umgebenden Umstände, was dieselben auch immer sein mögen. Kaleb war ein gutes Beispiel für diesen kostbaren Glauben, als er sagte: „Lasst uns nur hinaufziehen und es in Besitz nehmen, denn wir werden es gewisslich überwältigen.“ Dies ist die reine Ausdrucksweise jenes lebendigen Glaubens, welcher Gott verherrlicht ungeachtet der Umstände.“