Nach Moab und zurück

Eine Familie aus Bethlehem stand einer schwierigen Situation gegenüber. Es gab eine Hungersnot in Juda. Alle Einwohner des Landes mussten sich entscheiden, ob sie dort blieben und das Leid ertrugen und auf Gott vertrauten oder ob sie in das benachbarte Land Moab zogen, wo es reichlich Nahrung gab. Die Familie des Elimelech entschied sich zu gehen. Das Buch Ruth zeichnet ihre Erfahrungen auf.

 Elimelechs Entscheidung – Ruth 1:1-5

 „Es geschah in den Tagen, als die Richter richteten, da entstand eine Hungersnot im Land. Und ein Mann von Bethlehem-Juda zog hin, um sich in den Gefilden Moabs aufzuhalten, er und seine Frau und seine beiden Söhne. Und der Name des Mannes war Elimelech, und der Name seiner Frau Naomi, und die Namen seiner beiden Söhne Machlon und Kiljon, Ephratiter von Bethlehem-Juda. Sie kamen in die Gefilde Moabs und blieben daselbst. Und Elimelech, der Mann Naomis, starb: und sie blieb mit ihren beiden Söhnen übrig. Und sie nahmen sich moabitische Weiber: der Name der einen war Orpa, und der Name der anderen Ruth; und sie wohnten daselbst bei zehn Jahren. Da starben auch die beiden, Machlon und Kiljon; und die Frau blieb allein übrig von ihren beiden Söhnen und von ihrem Mann.“

 Gemäß dem Jerusalemer Targum war dies eine der zehn Hungersnöte (Unglücke) von Gott, um sein Volk zu züchtigen: „Gott hat zehn schmerzliche Hungersnöte verordnet, die in der Welt stattfinden, um die Bewohner der Erde zu bestrafen, vor dem Kommen des Messias, dem König. Die erste in den Tagen Adams; die zweite in den Tagen Lamechs, die dritte in den Tagen Abrahams; die vierte in den Tagen Isaaks; die fünfte in den Tagen Jakobs; die sechste in den Tagen Boas von Bethlehem-Juda, der Abstan (Ibzan), der Gerechte, genannt wird; die siebte in den Tagen Davids, des Königs von Israel, die achte in den Tagen Elias, des Propheten; die neunte in den Tagen Elisas in Samaria; die zehnte ist noch nicht gekommen und ist nicht eine Hungersnot nach Brot oder Wasser, sondern nach dem Hören des Wortes der Prophetie aus dem Mund des Herrn; und gerade jetzt ist diese Hungersnot schmerzlich im Land Israel.“

  Sowohl die Tatsache, dass Elimelech kurz nach dem Weggang nach Moab starb, als auch die Namen ihrer zwei Kinder – Machlon bedeutet krank und Kiljon bedeutet vor Gram vergehen – deuten die schwache Gesundheit an, welche zum Teil der Beweggrund für ihre Entscheidung gewesen sein mag. Aber wie Matthäus Henry zutreffend sagt: „Es ist besser, seinen Wohnort nur selten zu verändern.“ Der Weggang war unheilvoll und alle drei Männer der Familie starben in Moab.

 Es war nie ihre Absicht gewesen, für immer in Moab zu wohnen, sondern nur dort zu verweilen, bis die Knappheit an Nahrungsmitteln in Bethlehem wieder vorüber war. Ironischerweise verließ Elimelech, dessen Name „Gott ist mein König“ bedeutet, freiwillig Israel, das von Gott gegebene Land, um es einzutauschen mit einem häufigen Feind und Bedränger Israels. Er verfehlte, in Übereinstimmung mit Gottes Verheißung zu leben, einer Verheißung, die Ehepaaren gleicht, welche sich bei ihrer Hochzeit mit den Worten das Versprechen geben: „In guten wie in schlechten Zeiten.“

 Ähnlichen Entscheidungen steht Gottes Volk heutzutage gegenüber. Bedrängnisse kommen auch über Christen, und sie sind ihnen sogar vorausgesagt worden. Diese Prüfungen ihres Glaubens gelten der Zusicherung Gottes, sie „nicht zu versäumen, noch sie zu verlassen“ (Hebräer 13:5). Wenn Gott uns nie verlässt, warum sind wir geneigt, ihn zu verlassen, wenn das Voranschreiten schwieriger wird? Er hat keine „Tage ohne Regen“ verheißen, sondern nur die Zusicherung gegeben, dass er sowohl in unserer geistigen Dürre als auch in Zeiten des Wohlergehens bei uns ist.

 Dann mag es aus Sorge um das weltliche Wohlergehen unserer Kinder geschehen, dass wir versucht werden, sie für eine Zeitlang von dort fernzuhalten, wo Gottes Verheißungen im Mittelpunkt stehen. Wir beabsichtigen niemals, dass solche Trennungen fortwährend sind, aber häufig sterben sie, wie es im Fall von Machlon und Kiljon gewesen ist, in jenem fernen Land der Entfremdung von Gott.

 Nachdem die drei Männer der Familie gestorben waren, blieb Naomi allein mit ihren zwei (ausländischen) Schwiegertöchtern übrig, und sie stand einer schwierigen Entscheidung gegenüber: Zurückbleiben in Moab mit den zwei einzigen Familienmitgliedern aus ihrer direkten Umgebung, welche sie sehr liebte, oder zurückehren in ihr Heimatland, welches sie vor so langer Zeit verlassen hatte.

 Naomis Entscheidung – Ruth 1:6,7

 „Und sie machte sich auf, sie und ihre Schwiegertöchter, und kehrte aus den Gefilden Moabs zurück; denn sie hatte im Gefilde Moabs gehört, dass der Herr sein Volk heimgesucht habe, um ihnen Brot zu geben. Und sie zog aus von dem Orte, wo sie gewesen war, und ihre beiden Schwiegertöchter mit ihr; und sie zogen des Weges, um in das Land Juda zurückzukehren.“

 Nachdem die Hungersnot in Juda geendet hatte, gab es anscheinend ein kurzes Zögern in Naomis Entscheidung zurückzukehren. Sowohl Orpa als auch Ruth, die moabitischen Frauen, welche ihre zwei Söhne geheiratet hatten, begleiteten sie ganz offensichtlich bis zur Grenze, dem Fluss Jordan, und zwar südlich von Jericho.

 Ein Vorschlag zur Rückkehr nach Moab – Ruth 1:8-10

 „Da sprach Naomi zu ihren beiden Schwiegertöchtern: Gehet, kehret um, eine jede zum Hause ihrer Mutter. Der Herr erweise Güte an euch, so wie ihr sie an den Verstorbenen und an mir erwiesen habt. Der Herr gebe euch, dass ihr Ruhe findet, eine jede in dem Hause ihres Mannes! Und sie küsste sie. Und sie erhoben ihre Stimme und weinten, und sie sprachen zu ihr: Doch, wir wollen mit dir zu deinem Volk zurückkehren.“

 Hier zeigt sich große selbstlose Liebe. Das Band zwischen Naomi und ihren zwei Schwiegertöchtern war anscheinend sehr stark. Die moabitischen Frauen waren ganz offensichtlich sowohl treue und liebevolle Ehefrauen für Machlon und Kiljon gewesen als auch ein Trost für Naomi selbst. Diese starke Liebe zwischen den Frauen aus solch unterschiedlichen Kulturen und Religionen spricht Bände hinsichtlich des Feingefühles und der Weisheit einer vorbildlichen Schwiegermutter. Naomi behielt wahrscheinlich eine koschere Küche bei. Die beiden Schwiegertöchter waren von Natur aus nicht dazu geneigt. Naomi hörte niemals mit der Anbetung Jehovas auf. Orpa und Ruth haben möglicherweise eher ihren Gott, Chemisch, angebetet. Trotzdem scheinen die Unterschiede ihre Beziehung zueinander nicht geschwächt zu haben. In der Tat war Naomis Verhalten so bewundernswert, dass beide Frauen sich wünschten, mit ihr nach Juda zu gehen.

 Selbstlosigkeit zeigt sich auch in dem Vorschlag der Naomi, dass die beiden Frauen wieder heiraten möchten und „Ruhe“ finden möchten in dem Haus des neuen Ehemannes. Das Wort, welches mit Ruhe übersetzt worden ist, ist das hebräische Wort menuchah. John Meggison schreibt als Kommentar zu diesem Wort in seinen Anmerkungen: „Es gibt eine große Schönheit in dem Wort, welches hier mit „Ruhe“ wiedergegeben wurde. Die Stellung einer allein stehenden Frau in jenen Tagen war eine unglückliche. Die junge Witwe heiratete erneut. Dort fand sie ein Heim des Schutzes, der Sicherheit und der Ehre. Das ist die Bedeutung des Wortes menuchah, Ruheort, was Naomi den beiden eindringlich sagte, damit sie in ihrem eigenen Land diesen Ruheort finden möchten in dem Haus eines anderen Ehemannes, was Jehova ihnen gewähren würde. Es ist ein schöner Ausdruck. In 5. Mose 12:9 lesen wir: „Ihr seid bis jetzt noch nicht zu der Ruhe und dem Erbteil gekommen, welches Jehova, dein Gott, dir gibt.“

 Auf diese Weise wird der Unterschied in der schwierigen Entscheidung gezeigt, in welcher die zwei jungen Frauen standen. Entweder ihre Ruhe, ihre menuchah, bei einem neuen Ehemann aus ihrem eigenen Land finden oder in einem fremden Land mit einer unsicheren Zukunft und einem unbekannten Gott.

 Beide erhoben anfänglich Einwände gegen den Vorschlag, nach Moab zurückzukehren, und versicherten der Naomi ihren Wunsch, sie nach Juda zu begleiten. Es ist ganz offensichtlich, dass Naomis Leben der Beweis eines guten Zeugnisses ihren zwei Schwiegertöchtern gegenüber gewesen ist. Während beide Schwiegertöchter sich nicht verpflichteten, sich dem Gott Israels zuzuwenden, zeigten sie dennoch eine Bereitwilligkeit, in Übereinstimmung mit den Gewohnheiten der Hebräer zu leben.

 Der Vorschlag wird wiederholt – Ruth 1:11-13

 „Und Naomi sprach: Kehret um, meine Töchter! Warum wolltet ihr mit mir gehen? Habe ich noch Söhne in meinem Leibe, dass sie euch zu Männern werden könnten? Kehret um, meine Töchter, gehet; denn ich bin zu alt, um eines Mannes zu werden. Wenn ich spräche: Ich habe Hoffnung; wenn ich selbst diese Nacht eines Mannes würde und sogar Söhne gebären sollte:  wolltet ihr deshalb warten, bis sie groß würden? Wolltet ihr deshalb euch abschließen, dass ihr keines Mannes würdet? Nicht doch, meine Töchter! denn mir ergeht es viel bitterer als euch; denn die Hand des Herrn ist wider mich ausgegangen.“

 Naomi besteht auf ihren Vorschlag, dass die zwei Schwiegertöchter sie nicht nach Juda begleiten sollen. Sie erkannte, dass sie wenig Aussicht auf eine Hochzeit in Israel hatten, denn das mosaische Gesetz verbot solche Vereinigungen. Dies zeigt, dass beide Naomi liebten, sie dennoch nicht zum Judentum übergetreten waren. Ihre einzige Hoffnung auf eine erneute Hochzeit wäre gegeben, wenn Naomi mehrere Söhne hätte, was höchst unwahrscheinlich war auf Grund ihres Alters und der Zeit, die es erfordern würde, bis sie erwachsen geworden wären.

 Naomis Antwort deutet ebenfalls an, dass während sie seit zehn Jahren ihrer Religion treu geblieben war, als sie in Moab lebte, ihre Liebe für ihre Schwiegertöchter so stark war, dass sie selbst nicht dagegen war, in Zukunft Kinder zu haben, damit diese die beiden ausländischen Witwen heiraten.

 Ruth und Orpas Entscheidungen - Ruth 1:14-18

 „Da erhoben sie ihre Stimme und weinten wiederum. Und Orpa küsste ihre Schwiegermutter; Ruth aber hing ihr an. Und sie sprach: Siehe, deine Schwägerin ist zu ihrem Volk und zu ihren Göttern zurückgekehrt; kehre um, deiner Schwägerin nach! Aber Ruth sprach: Dringe nicht in mich, dich zu verlassen, hinter dir weg umzukehren; denn wohin du gehst, will ich gehen, und wo du weilst, will ich weilen; dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott; wo du stirbst, will ich sterben, und daselbst will ich begraben werden. So soll mir der Herr tun und so hinzufügen, nur der Tod soll scheiden zwischen mir und dir! Und als sie sah, dass sie fest darauf bestand, mit ihr zu gehen, da ließ sie ab, ihr zuzureden.“

 Es gibt einen großen Unterschied zwischen der Entscheidung der zwei Frauen. Orpa verlässt gegen ihren Willen ihre Schwiegermutter, obgleich sie sie liebt, und kehrt zurück nach Moab. Ruth entscheidet voranzuschreiten und nimmt die angedeuteten Bedingungen auf sich. Sie ist bereit, sich nicht nur die Gewohnheiten eines fremden Landes anzueignen, sondern sich auch zu dessen Gott zu bekehren. Sie entscheidet sich dazu, nie wieder zurückzuschauen, und nimmt ihr neues Volk und ihren neuen Gott für die Zeit ihres Lebens an.

 Wahrlich, Ruths wundervolle Antwort ist auf zahllosen Hochzeiten wiederholt worden. Es gibt nur wenige noch schönere Erklärungen bei einer Hochzeitsverpflichtung als diese. Durch das Abgeben eines solchen Versprechens nahm Ruth bedingungslos ihr neues Land und seinen Gott an.

 Während nur sehr wenig an Orpas Entscheidung ausgesetzt werden kann, so war nichtsdestotrotz Ruths Wahl besser. Häufig stehen Christen solch einer Entscheidung ebenfalls entgegen. Entweder zurückzukehren zu den Gewohnheiten der alten Heimat auf der Erde oder voranzuschreiten hin zu dem geistigen Kanaan mit ganzem Herzen und der völligen Annahme der Bedingungen dazu, das ist eine bedeutsame Frage. Wenn jemand wie Orpa den Jordan nicht überquert, geht das vorherige Leben weiter wie zuvor, aber das Herz wurde nicht betroffen durch solch eine Entscheidung. Wenn jemand wie Ruth den Jordan überquert, dann gibt es eine ganz neue Beziehung sowohl zu Gott als auch zu den Menschen, und das Herz findet seinen Frieden in solch einer getroffenen Wahl.

 Als Naomi solch einen entschlossenen Willen in Ruth sah, nahm sie davon Abstand, sie weiter zu entmutigen. Stattdessen setzte sie ihren Weg voran mit ihrer geliebten Ruth, und wir können sicher sein, ganz bestimmt mit einem Herzen voller Freude.

 Zurück in Bethlehem – Ruth 1:19-22

 „So gingen beide, bis sie nach Bethlehem kamen. Und es geschah, als sie nach Bethlehem kamen, da geriet die ganze Stadt ihretwegen in Bewegung, und sie sprachen: Ist das Naomi? Und sie sprach zu ihnen: Nennet mich nicht Naomi, nennt mich Mara; denn der Allmächtige hat es mir sehr bitter gemacht. Voll bin ich gegangen, und leer hat mich der Herr zurückkehren lassen. Warum nennet ihr mich Naomi, da der Herr gegen mich gezeugt, und der Allmächtige mir Übles getan hat? So kehrte Naomi zurück, und Ruth, die Moabitin, ihre Schwiegertochter, mit ihr, welche aus den Gefilden Moabs zurückkehrte; und sie kamen nach Bethlehem beim Beginn der Gerstenernte.“

 Dadurch, dass sie sich selbst Mara nennt, Bitterkeit bedeutend, zeigt Naomi nicht nur ihren Zustand der Traurigkeit an, sondern ebenso offenbart sie Reue für die schlechte Entscheidung, welche sie und ihr Ehemann ein Jahrzehnt zuvor getroffen hatten. Möglicherweise war sie nicht verbittert über den Verlust ihres Ehemannes und ihrer zwei Söhne, sondern ebenso den Mangel an Glauben bedauernd, den ihre Familie gezeigt hatte, indem sie Juda verließen für die grünen Auen Moabs.

 Sehr häufig wird ein Christ in den Zeiten der Prüfung gleich Elimelech geprüft, ob jemand nach einer Situation trachtet, welche größeres irdisches Gedeihen verspricht oder nicht; oder ob ein Christ gleich Lot, welcher früher die Fruchtbarkeit des Tales Sodom auswählte, nach dem Ausschau hält, was den größten irdischen Ertrag einbringt. Was immer der Grund dafür sein mag, wenn wir die vergänglichen Dinge dieser Erde über die ewigen Reichtümer einer hell scheinenden Zukunft setzen, welche auf Gottes Verheißungen gegründet sind, dann handelt es sich immer um eine schlechte Entscheidung: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, und dies alles wird euch hinzugefügt werden“ (Matthäus 6:33).

 Die beiden Frauen kehrten zurück am Anfang der Gerstenernte. Jene Ernte wurde zusammen mit dem Weben der ersten Gerstegarbe zwei Tage nach dem Passahfest gefeiert. So wie das Passah den Anfang des jüdischen religiösen Jahres kennzeichnet, so kennzeichnet des Christen Rückkehr zu seinem verheißenen Erbteil einen Neuanfang. Möchte ein jeder von uns solche Entscheidungen treffen, um von unseren eigenwilligen Pfaden zurückzukehren, hin zu einem engeren Wandel mit Gott und auf diese Weise einen Neuanfang in unseren christlichen Leben erfahren.

 Dieser Artikel wurde in der englischsprachigen Herald-Ausgabe
von Mai/Juni 2005 veröffentlicht. Übersetzt von Bruder Sven Kruse.