Eine Frage des Motivs

„Ich bin den Juden geworden wie ein Jude, auf dass ich die Juden gewinne; denen, die unter Gesetz sind, wie unter Gesetz (obwohl ich nicht unter Gesetz bin), auf dass ich die, welche unter Gesetz sind, gewinne.“ – 1. Korinther 9:20

 Die erstaunliche Verwandlung des Apostel Paulus, die seiner Bekehrung auf dem Weg nach Damaskus folgte, wurde bezeugt durch seinen außerordentlichen Mut, seinen Eifer in der Verkündigung des Evangeliums, seinem geduldigen Ausharren, seinem tiefen Einblick in Gottes Plan und Gottes Vorsatz, seine Bemühung für das geistige Wachstum der Herauswahlen und seiner unveränderlichen Entschlossenheit, um des Meisters willen treu zu sein. Aus diesen Gründen und weiteren empfiehlt er sich selbst als ein würdiges Beispiel des Nachahmens, als er dazu ermahnte: „Seid meine Nachahmer, gleichwie auch ich Christi“ (1. Korinther 11:1).

 Paulus Belehrungen hinsichtlich des Zeitalterwechsels, durch welchen Juden und Nationen auf eine Stufe gestellt wurden den Zugang in den Leib Christi betreffend, nachdem die Zwischenwand der Umzäunung abgebrochen war (Epheser 2:11-16), wurde von einigen Juden als Irrtum betrachtet, genauso wie Paulus Belehrung, dass die Ausübung der Vorschriften in dem mosaischen Gesetz nicht notwendig sind für die Errettung.

 Nachdem Paulus seine dritte Missionsreise beendet und den Ältesten zu Jerusalem berichtet hatte, wie einige aus den Nationen die Botschaft des Evangeliums annahmen, schlugen die Leiter dort vor, dass Paulus sich selbst mit vier anderen Männern zusammentun sollte, um durch die Ausübung einer Reinigungszeremonie aus dem Gesetz zu beweisen, dass er nicht gegen das Gesetz war. Es ist wahrscheinlich, dass diesen Geschwistern Paulus Anwesenheit in ihrer Mitte nicht behaglich war und dass sie zusätzlich um ihre eigene Sicherheit besorgt waren. Sie mögen gemeint haben, dass seine Belehrungen auch ihnen Verfolgung einbringen könnten, weil sie mit ihm zusammen waren. Paulus willigte ein, ein Aufruhr war die Folge, und er wurde durch die römischen Soldaten in Haft genommen auf Grund der entstandenen Unruhe (Apostelgeschichte 21:20-33).

 War Paulus widersprüchlich?

 Einige biblische Kommentatoren meinen, dass Paulus widersprüchlich gewesen wäre, als er den Versuch unternahm, den Frieden zu bewahren, indem er im Tempel mit anderen Juden erschien, welche teilnahmen an den Reinigungszeremonien, gegenüber seinem Verhalten in anderen Situationen, wo er zum Beispiel Petrus dafür tadelte, dass er nicht mehr länger mit den Bekehrten aus den Nationen gegessen hatte, nur weil jüdische Gläubige anwesend waren, welche aus Jerusalem gekommen waren (Galater 2:11-14). Sie machen die Schlussfolgerung, dass Paulus Geschlagenwerden und seine Gefangennahme Gottes Missfallen bedeuten würde hinsichtlich seines Verhaltens. Es ist behauptet worden, dass der Himmlische Vater die Züchtigung zugelassen habe, um Paulus eine Art des Tadels zuteil werden zu lassen für sein unpassendes Verhalten.

 Zur Unterstützung der entgegen gesetzten Ansicht, nämlich, dass Paulus Taten vollständig richtig gewesen sind, sollte angemerkt werden, dass die Heilige Schrift keine besonderen Worte des Tadels an Paulus durch unseren Herrn wegen der Unterstützung der Reinigungsgelübde enthält. Sein Gebundenwerden war in Erfüllung des prophetischen Zeugnisses, welches ihm vor seiner Ankunft in Jerusalem gegeben wurde (Apostelgeschichte 21:10-14). Dies wissend setzte Paulus mutig seinen Weg fort, des Herrn überwaltender Vorkehrung vertrauend in allen seinen Erfahrungen. Selbst nach Paulus Ergreifung im Tempel durch seine Widersacher und seinem darauffolgenden Erscheinen vor dem Sanhedrin und seinem Appell an die Pharisäer (Apostelgeschichte 23:1-10) erhielt er den Beistand von oben, wie wir lesen: „In der folgenden Nacht stand der Herr bei ihm und sprach: Sei guten Mutes, denn wie du von mir in Jerusalem gezeugt hast, so musst du auch in Rom zeugen“ (Apostelgeschichte 23:11).

 Paulus und das mosaische Gesetz

 Paulus Belehrungen hinsichtlich der Beziehung zwischen dem mosaischen Gesetz und den jüdischen Gläubigen wird durch diese Worte gezeigt: „Bevor der Glaube kam, wurden wir unter dem Gesetz verwahrt, eingeschlossen auf den Glauben hin, der geoffenbart werden sollte. Also ist das Gesetz unser Zuchtmeister gewesen auf Christus hin, auf dass wir aus Glauben gerechtfertigt würden. Da aber der Glaube gekommen ist, sind wir nicht mehr unter einem Zuchtmeister“ (Galater 3:23-25). Er erkannte damit sowohl die Autorität des Gesetzes über die Gläubigen in Christus als auch die Verpflichtung, seine Gebräuchen zu beobachten, nicht an.

 Dieses Verständnis näher ausführend, erklärte er den jüdischen Christen: „In welchem ihr auch beschnitten worden seid mit einer nicht mit Händen geschehenen Beschneidung, in dem Ausziehen des Leibes des Fleisches, in der Beschneidung des Christus, mit ihm begraben in der Taufe, in welcher ihr auch mit auferweckt worden seid durch den Glauben an die wirksame Kraft Gottes, der ihn aus den Toten auferweckt hat. Und euch, als ihr tot ward in den Vergehungen und in der Vorhaut eures Fleisches, hat er mitlebendig gemacht mit ihm, indem er uns alle Vergehungen vergeben hat; als er ausgetilgt hat die uns entgegenstehende Handschrift in Satzungen, die wider uns war, hat er sie auch aus der Mitte weggenommen, indem er sie an das Kreuz nagelte“ (Kolosser 2:11-14). Auf diese Weise war Paulus Schlussfolgerung entgegen der Schlussfolgerung der jüdischen Gesetzesgelehrten, welche diese verschiedenen Gebräuche und Züge in Verbindung mit dem Gesetz als verpflichtend ansahen. Paulus hingegen erklärte, dass die Freiheit in Christus diese Dinge den jüdischen Gläubigen freistellte und auf keinen Fall den Bekehrten aus den Nationen auferlegte.

 In einem völlig anderen Zusammenhang behandelt der Apostel Paulus die Themen wie zum Beispiel das Einhalten des Sabbats, die Speisevorschriften, die Freiheit und die Verurteilung der Geschwister, welche die nicht wirklich wichtigen Angelegenheiten in einem anderen Licht sahen (Römer 14:1 bis 15:7). Er lehrte, dass die persönliche Freiheit in diesen und ähnlichen Angelegenheiten erlaubt war, solange als wie diejenigen, welche die Speisevorschriften oder das Halten des Sabbats beachteten, dieselben nicht als Erfordernisse ansahen, als ob sie noch unter dem mosaischen Gesetz seien, denn in solch einem Fall, würde das Opfer Christi unwirksam gemacht werden.

  Paulus Weisheit bestand darin, Zeugnis abzulegen für Christus in der größtmöglichen Art und Weise. Er passte seine Darlegungen seiner Zuhörerschaft an, und zwar ob dieselbe aus Juden oder Nationen bestand, ohne dabei grundlegende Wahrheiten in Bezug auf moralische oder belehrende Themen auszulassen (1. Korinther 9:19-22).

 Paulus Mut

 Zurückkehrend zu dem Vorfall des Reinigungsgelübdes und der falschen Anschuldigung gegen Paulus, er habe Griechen mit in den Tempel geführt (Apostelgeschichte 21:28), erkennen wir, dass er nicht furchtsam war, ein Zeugnis abzulegen über Jesus Christus. Nachdem die Soldaten ihn vor der Menge gerettet hatten, setzte er das Zeugnisablegen vor der Menge des Volkes fort, indem er seine Glaubwürdigkeit als jemand zeigte, der als Jude geboren worden ist und Christus als seinen Erlöser angenommen hat, als er auf dem Weg nach Damaskus war (Apostelgeschichte 21:39). Es geschah nicht vor dem Augenblick, in welchem Paulus erklärte, dass er damit beauftragt ist, das Evangelium zu den Nationen zu bringen, dass seine Widersacher erneut einen Aufruhr begannen mit der Behauptung, dass es ihm nicht gezieme zu leben (Apostelgeschichte 22:22). Paulus hatte sich der Verkündigung der Wahrheit geweiht, ganz gleich unter welchen Umständen.

 Eine richtige Einschätzung darüber, ob Paulus sich geirrt hat oder nicht, als er sich den anderen Geschwistern angeschlossen hat bei der Reinigungszeremonie, erfordert eine Kenntnis über seine Beweggründe. Weil die Schrift nicht ausdrücklich erklärt, warum Paulus an diesem jüdischen symbolischen Akt teilnahm,  und wir außerdem nicht in sein Herz und seine Gesinnung schauen können, um zu entscheiden, was ihn dazu bewegt hat, diese Richtung einzuschlagen, ist es unmöglich mit absoluter Gewissheit zu wissen, ob irgendein Gesichtspunkt in seinem Verhalten in dieser Sache unpassend gewesen ist.

 Lektionen für die Gläubigen heutzutage

 Bei der Betrachtung von der Entscheidung des Apostel Paulus, den Ratschlag der Ältesten zu Jerusalem zu beachten hinsichtlich des Reinigungsgelübdes, mögen die Gläubigen ebenfalls Lektionen aus dem biblischen Zeugnis entnehmen, welche auf ihre eigenen Leben als Hilfestellungen anwendbar sind, um den richtigen Weg und das richtige Verhalten unter verschiedenen Umständen feststellen zu können. Hier sind fünf:

 1)      „Alles ist erlaubt, aber nicht alles ist nützlich; alles ist erlaubt, aber nicht alles erbaut … Ob ihr nun esset oder irgendetwas tut, tut alles zur Ehre Gottes“ (1. Korinther 10:23,31).

Manchmal ist das, was jemand in der Bemühung sagt, um einem irregehenden Glied aus dem Geschwisterkreis zu helfen, etwas, was Schmerz verursacht. Umgekehrt mag ein Bruder öffentlich ein redegewandtes Gebet sprechen in dem Wunsch, Lob für seine Ausdruckweise zu erhalten. Im ersten Beispiel, wenn wir jemanden unbeabsichtigt verletzen, mögen wir unser Bedauern für unsere Unachtsamkeit ausdrücken, aber dennoch den Himmlischen Vater verherrlichen, denn unsere Beweggründe waren rein. Das Äußern eines öffentlichen Gebets mit der Absicht, Schmeichelei von anderen zu empfangen, würde ein Gräuel in Gottes Augen sein.

2)      „Ihr, Brüder, seid zur Freiheit berufen worden; allein gebrauchet nicht die Freiheit zu einem Anlass für das Fleisch, sondern durch die Liebe dienet einander“ (Galater 5:13).

 Während einer Versammlung, in welcher es zum Beispiel um die Bewerkstelligung von neuen Aufgaben geht, mag eine Vielzahl von Ansichten zum Ausdruck gebracht werden hinsichtlich der besonderen Richtung, in der das Werk durch die Herauswahl vollbracht werden soll. Obwohl starke persönliche Vorlieben zum Ausdruck gebracht werden können, ist es weise, im Geist der Harmonie und der Einheit, dass die Mehrheit entscheidet anstatt dass jemand auf die Hinausführung des Werkes in einer ganz abweichenden Art und Weise besteht. Umgekehrt ist das Brechen des Brotes und das Trinken des Kelches als ein Symbol des vollkommenen Fleisches des Erlösers und seines freiwilligen Opfers in dem Niederlegen seiner Seele bis in den Tod etwas, was Gläubige tun sollten, und zwar zum Gedächtnis des Todes des Meisters. Es ist eine Sache des Gehorsams der Belehrung der Schrift gegenüber und nicht eine wahlweise Angelegenheit, die dem Urteilsvermögen eines jeden unterstellt ist auf Grund von persönlichen Vorlieben.

 3)      „Denn wenn ich das Evangelium verkündige, so habe ich keinen Ruhm, denn eine Notwendigkeit liegt auf mir; denn wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht verkündigte“ (1. Korinther 9:16).

 Der Apostel Paulus veranschaulicht die Bedeutung dieses Textes dadurch, dass er in Übereinstimmung damit lebte, ob der Umstand für ihn persönlich günstig war oder nicht. Gläubige sollten treue Zeugen sein für den herrlichen Plan der Errettung, wo immer dies möglich ist. Sünde und Tod haben auf dem Planeten Erde seit mehr als 6.000 Jahren geherrscht, und die Zustände rund um den Globus verschlechtern sich immer mehr. Wer als nur des Herrn Volk kann erklären, warum das Böse existiert und worin die zukünftige Hoffnung die Menschheit wirklich besteht?

 4)      „Dieses habe ich zu euch geredet, auf dass ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Drangsal, aber seid guten Mutes, ich habe die Welt überwunden“ (Johannes 16:33).

 Gleich Paulus sollten sich Christen auf Gottes kostbare Verheißungen und Ermutigungen verlassen, und zwar durch den Glauben und in dem Vollbringen seines Willens, ganz gleich wie viel Widerstand ihnen entgegen gebracht wird. Erkennend, dass unsere Zeiten in Gottes Händen sind, fährt der aus dem Geistgezeugte damit fort, in dem Dienst des Herrn zu verbleiben, bis der Herr sagt: Es ist genug. „Wer sein Leben findet, wird es verlieren, und wer sein Leben verliert um meinetwillen, wird es finden“ (Matthäus 10:39).

 5)      „Einer ist der Gesetzgeber und Richter, der zu erretten und zu verderben mag. Du aber, wer bist du, der du den Nächsten richtest? (Jakobus 4:12).

 Beigetragen zu dem angestachelten Aufruhr gegen Paulus haben nicht nur die Anschuldigungen einiger Juden aus Asien, dass seine Belehrungen gegen das Gesetz waren, sondern auch die falsche Anschuldigung, dass er den Tempel verunreinigt hätte, indem er Griechen mit in den inneren Vorhof gebracht hätte (Apostelgeschichte 21:27-29). Vorher war Paulus mit einem Bekehrten aus den Nationen in Jerusalem gesehen worden, und zwar Trophimus. Seine Feinde nahmen an, dass beide in den Tempel gegangen waren. Für Neue Schöpfungen muss böse Vermutungen als ein Werk des Fleisches betrachtet werden, welchem widerstanden werden muss. Wenn das Verhalten anderer Geschwister als im Widerspruch stehend mit ihrem Bekenntnis der Weihung erscheinen mag, dann wäre es unpassend, Verdächtigungen zu hegen hinsichtlich einer falschen Handlung ihrerseits. Es ist weit besser anzunehmen, dass ihr anscheinendes Fehlverhalten in Wirklichkeit eine falsche Wahrnehmung ist und danach in einer nicht verurteilenden Art und Weise zu fragen.

 Obwohl Paulus Verhalten in Zusammenhang mit denjenigen, die ein Reinigungsgelübde auf sich genommen hatten, in Frage gestellt worden ist, ist er als einer der Apostel ein Teil der Grundlagen des neuen Jerusalems (Offenbarung 21:10,14). Dieser tapfere Kreuzessoldat war treu bis zum Tode. Lasst uns ebenso treu sein und zusätzlich fortwährend und ehrlich seine Erklärung in unseren Leben widerhallen: „Darum übe ich mich auch, allezeit ein Gewissen ohne Anstoß zu haben vor Gott und den Menschen“ (Apostelgeschichte 24:16).

 Dieser Artikel wurde von Bruder Homer Montague geschrieben und in dem englischsprachigen Herald in der Mai/Juni 2005 Ausgabe
veröffentlicht. Übersetzt von Bruder Sven Kruse.

 Es folgt ein Auszug aus dem Reprint, Seite 9:

 „Die Wahrheit ist wie eine bescheidene, kleine Blume in der Wüste des Lebens. Sie wird umzingelt und meistens erstickt durch das üppige Wachstum des Unkrauts des Irrtums. Wenn du sie findest, dann musst du stets auf der Hut sein. Wenn du ihre Schönheit sehen möchtest, musst du das Unkraut des Irrtums und den Strauch des Aberglaubens beiseite schieben. Wenn Du sie besitzen möchtest, dann musst du dich bücken, um sie zu erreichen.“